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Unsere Kunden machen Schlagzeilen: Genossenschaft am Lindenbach

Veröffentlicht am 01.09.2016

Alt werden wie im Bilderbuch? Wer in der Ü-50-Siedlung Lindenbach ZH lebt, hat nicht nur jede Menge Gspänli. Die 27 Bewohner profitieren von Annehmlichkeiten, von denen der Einzelne nur träumen kann. Oder wer hat schon einen Pool?

Gemeinschaftliches Wohnen

Nachfamiliäres Wohnen heisst das Lindenbach-Konzept im korrekten Fachjargon. Menschen, deren Kinder aus dem Haus sind, tun sich zusammen und bauen sich eine Bleibe, die ihren aktuellen und künftigen Bedürfnissen entspricht. Klingt logisch: Die dritte Lebensphase dauert immer länger, die ältere Bevölkerung wird immer fitter. Und doch gibt es erst wenige Projekte wie die Überbauung Lindenbach, die dieser gesellschaftlichen Entwicklung mit neuen, gemeinschaftlichen Wohnformen Rechnung tragen.

Der Mann, der das Projekt in Obfelden erdacht und realisiert hat, bezeichnet sich als Freigeist. Remo Sciessere ist ein agiler 58-Jähriger, von Beruf Architekt. An diesem sonnigen Nachmittag trägt der Freigeist Flipflops und eine Mir-doch-egal-Frisur. «Für unser Architekturbüro war es das erste nachfamiliäre Wohnprojekt», sagt er gleich zur Begrüssung. Die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens im Alter sei aber schon lange ein Thema im Freundeskreis gewesen. «Es hiess immer: Wenn ihr etwas baut, lasst es uns wissen.»

Es fühlt sich an wie Ferien – obwohl hier alle zu Hause sind. Zwei Badenixen ziehen entspannt ihre Runden im Pool. Eine warme ­Brise blättert in ihrer Sommerlektüre. Vom Garten her schallt Gelächter herüber. Irgendwo nebenan klirrt Geschirr. «Du, wie funktioniert die Abzugshaube?» Eine weibliche Stimme unterbricht die nachmittägliche Trägheit. Es ist die extra für den Abend engagierte Köchin, die sich in der Gemeinschaftsküche einen ersten Überblick verschafft. In vier Stunden wird sie ein arabisches Menü für rund 30 Gäste zaubern.

Man kann sich den Gedanken nicht verkneifen: Das Setting wirkt, als hätte man sich in eine Villa an der Zürcher Goldküste verirrt. Tatsächlich sind wir aber in Obfelden gestrandet, einem 5000-Seelen-Dorf mitten im ländlichen Idyll zwischen Zürich und Zug. Die Köchin mit arabischen Skills haben die Bewohner der Ü-50-Siedlung Lindenbach gebucht. Einfach so, um sich einen ersten gemeinsamen Sommerabend zu gönnen. Alt werden macht hier offenbar Spass.

Pool mit Trinkqualität

Die Gelegenheit bot sich, als Sciessere mit seinem Geschäftspartner in Obfelden Land kaufen konnte. Mit einer Kerngruppe von sieben Leuten wurde die ­Ge­nossenschaft Lindenbach gegründet. Sciesseres Büro Architekturfabrik entwarf daraufhin einen 12 Millionen Franken teuren Baukomplex mit 19 Wohnungen, mehreren Gemeinschaftsräumen – und einem Naturpool, «in dem man richtig schwimmen kann».

Der Architekt kann seinen Stolz kaum verbergen, wenn er von diesem «Bijou» spricht, in dem «das Wasser Trinkqualität hat». Zum Lindenbacher Alterslifestyle gehört allerdings einiges mehr: eine Biosauna, ein Fitnessraum, eine Werkstatt, zwei Gästezimmer, ein Baderaum, Ateliers zum Nähen oder Malen und so weiter. Ach ja, in der Tiefgarage steht ein Elektro-Mobility-Auto, exklusiv für die Bewohner.

Wohnung inkl. Sozialleben

In Lindenbach offenbart sich eine Binsenwahrheit: Wer mit anderen teilt, hat eindeutig mehr vom Leben. Werbung brauchte das Wohnprojekt keine. «Noch vor der Bauphase wurden 12 der 19 Wohnungen verkauft», sagt Sciessere. Probleme gab es allerdings mit der Hypothek. Keine Bank wollte der Genossenschaft Geld leihen. «Banken haben am liebsten Eigenheime, Genossenschaften betrachten sie als zu risikoreich», kommentiert Sciessere trocken.

Deshalb mussten die Interessenten als Privatpersonen zusätzliche Hypotheken aufnehmen. Eine 3½-Zimmer-Wohnung inklusive Gemeinschaftsräume und Pool gibt es in Lindenbach für rund 700'000 Franken. Das ist nicht unbedingt ein Schnäppchen – allerdings kauft man sich für den Preis gleich ein Sozialleben dazu.

Vor einem halben Jahr konnten die ersten einziehen. Momentan leben in der Siedlung 27 Personen im Alter zwischen 52 und 86 Jahren. Das sind zwei Generationen. Die meisten gehören zur Mittelschicht. «Jeder kann bei uns die Tür hinter sich zumachen, wenn er das möchte, gleichzeitig hat jeder die Möglichkeit, die Gesellschaft der anderen zu geniessen», erläutert Sciessere seine Idee des zeitgemässen Wohnens im Alter.

Sciessere selbst lebt in Lindenbach mit seiner Partnerin in einer hellen, offen gestalteten Dachwohnung. Viele der Bewohner stammen aus der Gegend, die meisten haben sich aber erst in der Siedlung richtig kennen gelernt. «Kommen Sie, der Pool ist nicht das einzige Tolle hier.»

Meditieren und Tanzen

Sciessere lotst uns zum gemeinschaftlichen Kernstück, einem weitläufigen Aufenthaltsraum mit Essbereich, Bibliothek, Sofa, Cheminée, Beamer und angeschlossener Küche. Ausser der arabischen Köchin ist allerdings niemand da. «Die Nutzung der Gemeinschaftsräume muss sich erst etablieren, das ist uns bewusst.» Ein halbes Jahr nach dem Einzug würden hier die Bewohner immerhin schon Zeitung lesen, an einem verregneten Sonntag habe man gemeinsam einen Film geschaut. «Und während der Fussball-EM hatten wir schon fast Full House», meint Sciessere schmunzelnd.

Ein Ass hat er noch im Ärmel. Der Rundgang endet im Dach­geschoss – in einem 110 Quadratmeter grossen Saal. Der perfekte Ort für Partys, denkt man spontan. «Hier bieten wir zum Beispiel Meditationskurse an.» Man habe auch schon Tai-Chi-Lehrer eingeladen. Und Party? «Tanzabende haben wir schon einige veranstaltet», sagt Sciessere und zeigt auf die Stereoanlage. Inzwischen würden einige Bewohner den Saal auch als Proberaum fürs gemeinsame Musizieren nutzen.

Clique von Gleichgesinnten

«Ich gebe hier meine Kurse in Seidenmalerei», sagt plötzlich eine Stimme hinter uns. Sie stellt sich als Ursina Würmli vor, Künstlerin, 73 Jahre alt, seit sieben Jahren verwitwet. Klar, sie erzähle uns gern, warum sie in Lindenbach eine grosszügige 4½-Zimmer-Wohnung gekauft habe. «Wissen Sie, ich habe erst hier gemerkt, wie einsam ich vorher war.» Ursina Würmli wohnte in einem grossen Haus mit Garten und eigenem Atelier, wo sie ihre Kunst ausstellte und verkaufte. Nach dem Tod ihres Mannes lenkte sie sich mit Gartenarbeit ab, gab Malkurse.

Dann kam der Sommer 2015. Die unteren Stockwerke des ­Hauses wurden während eines Wolkenbruchs überflutet, ihr Atelier war komplett zerstört. «Das war zu viel für mich.» Würmli gab das Haus schweren Herzens auf. Im Nachhinein war es eine der besten Entscheidungen ihres Lebens. «Inzwischen ist der Lin­denbach wie meine Familie», schwärmt sie auf ihrem ­Balkon mit Blick auf Felder und Wiesen. «Wir sind eine Clique von Gleichgesinnten, wir wollen nicht übers Alter jammern.» Wie viele andere im Haus gehe sie schwimmen, mache Yoga, tanze. «Manchmal tun es aber auch gemütliche Spielabende mit den Nach­barn.»

Gemeinsam fernsehen

Spontanes Klopfen an der Tür des Nachbarn ist in Lindenbach erlaubt und sogar erwünscht. Vielleicht hat er ja Zeit für einen Kaffee, erzählt Würmli weiter. Manchmal reicht eine SMS. «Schaust du auch gerade Rosamunde Pilcher?» Und schon sitzen Ursula Würmli und eine Nachbarin gemeinsam auf dem Sofa. «Wir müssen gar nicht reden, es ist schön, einfach nur mit jemandem fernzusehen.»

Aber Hand aufs Herz, Frau Würmli: Ist es nicht eintönig, immer nur Alte unter sich? «Nur wegen ein paar grauen Haaren sind wir noch lange nicht alt! Und vergessen Sie nicht, die meisten von uns haben Kinder und Enkel.» Jeder im Haus kenne ihren Nachwuchs, weil er oft zu Besuch komme. «Meine Enkelkinder haben hier mehrere Grossmütter annektiert», sagt Würmli lachend und schaut verstohlen auf ihre Uhr. Eigentlich müsse sie jetzt gehen, eine «externe» Freundin warte auf sie.

Der einzige Singlemann

Auf dem Weg hinaus, im Treppenhaus, treffen wir auf einen ­älteren Herrn in Wanderkluft. Es ist Victor Burtscher, der einzige Singlemann in Lindenbach. Eben war er auf der Alp. «Wollen Sie einen Kaffee trinken?» Der Kaffee findet im Garten statt, weil der 72-Jährige «endlich wieder mal eine mitrauchen will». Der ehemalige Sozialpädagoge wohnt auf 77 Quadratmetern in einer 2½-Zimmer-Wohnung. «Die Siedlung wird immer mehr mein Zuhause», erzählt der vierfache Vater und achtfache Grossvater beim Rauchen. Seine Frau ist vor drei Jahren gestorben.

Dass er der einzige Singlemann unter Paaren und zehn Singlefrauen ist, macht ihm keine Mühe, sagt er. «Alle sind sehr offen, die Männer können mit mir auch mal etwas ohne ihre Ehefrauen unternehmen, und einige der Singledamen sind inzwischen gute Freundinnen.» Noch sei es aber nicht so weit, dass sich die Bewohner spontan einladen würden, wenn einer Spaghetti koche.

Streit unter den Bewohnern gab es in Lindenbach noch keinen, sagen alle. Dafür ist es wohl noch zu früh. «Ich sehe kein grosses Konfliktpotenzial im Haus, aber ich merke, wie ich lerne, offener und toleranter zu sein gegenüber anderen», sinniert Burtscher. Früher sei er davon ausgegangen, dass Leute, die Klatschheftli lesen und «Sissi»-Filme schauen, kaum auf seiner Linie sein könnten.

Heute ist Burtscher dank einem Lindenbach-Kollegen schon fast ein «Sissi»-Fan, und mit Klatschheftli-Leserinnen führt er innige Gespräche. «Nie hätte ich mir erträumt, dass ich im Alter noch so viele neue, spannende Menschen kennen lerne und dass zwischen uns so schnell Nähe entstehen kann», sagt Burtscher gerührt. Wenn er Sorgen habe oder etwas brauche, sei immer jemand da. «Ich kann hier in meinem Alter viel besser Single sein als in einer normalen Wohnung.»

Noch kein Pflegefall

Klingt nach Altern wie im Bilderbuch. Der Härtetest steht den Lindenbächlern allerdings erst bevor. Noch ist keiner der Bewohner zwischen 52 und 86 Jahren ein Pflegefall. Remo Sciessere runzelt die Stirn. Der Architekt weiss, die Zeit wird kommen, vielleicht schon bald. «Wir haben zwei Gästezimmer, die wir auch für die Spitex nutzen könnten.»

Als Freigeist mag er aber nicht ­jede Eventualität vorausplanen. «Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln, und zu gege­bener Zeit nach Lösungen suchen», sagt er locker. «Wissen Sie, wir sind alles Freigeister. Vielleicht ist in zehn Jahren alles ­anders.» Hoffentlich nicht, protestiert auf einmal eine innere Stimme. Wenn man schon alt werden muss, dann gern so wie in Lindenbach. 

Quelle (Bild&Text): Berner Zeitung